Zahlen und Fakten

Bildungsmaßnahmen

Perspektiven von Jugendlichen ohne Schulabschluss auf dem Arbeitsmarkt

Schülerinnen sitzen auf Freitreppe Wer keinen Hauptschulabschluss hat, blickt in eine ungewisse Zukunft.Adobe Stock/Tatsiana Yatsevich

Wer eine Anstellung findet, landet häufig im Niedriglohnsektor. Außerdem ist die Gefahr, arbeitslos zu werden, überdurchschnittlich groß. Laut Bildungsbericht 2018 lag die Arbeitslosenquote von Menschen ohne Berufsausbildung 2016 bei 19 Prozent. Bei Personen mit einer beruflichen Ausbildung war sie mit vier Prozent deutlich niedriger. Ein Hochschulabschluss reduzierte die Arbeitslosenquote sogar auf zwei Prozent. Aufgrund der verbreiteten Arbeitslosigkeit und der vielen Jobs im Niedriglohnsektor liegt das Armutsrisiko dieser Menschen ohne Berufsausbildung weit über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

1. Welche Möglichkeiten gibt es auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt für Jugendliche ohne Abschluss?

Statt beruflich durchzustarten, schaffen viele junge Menschen den Sprung in die Berufsausbildung nicht im ersten Anlauf. Eine nicht unerhebliche Anzahl junger Menschen (270.000 in 2018) mündet in das sogenannte Übergangssystem. Es besteht aus schulischen Bildungsgängen und Maßnahmen außerschulischer Träger, die fit machen sollen für die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Dort können die Jugendlichen den Hauptschulabschluss nachholen oder Qualifizierungen erwerben, die bei einer späteren Berufsausbildung angerechnet werden.

Für die jungen Menschen sind solche unterstützenden Angebote am Übergang von Schule zu Beruf oder in der Jugendberufshilfe unbedingt notwendig. Diese setzt unter anderem auch die Caritas um, etwa Maßnahmen zur Aktivierung (§ 45), berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (§ 51) oder die Einstiegsqualifizierung (§ 54 a, begleitetes Praktikum). Sie verbessern die Chancen am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.

Mehr Zahlen und Fakten (Berufsbildungsbericht 2019):

  • Mit 270.000 jungen Menschen im Jahr 2018, die in das Übergangssystem einmünden, ist diese Zahl zwar gesunken (2017: 283.138; 2016:302.881), unbestritten benötigen aber nach wie vor viele junge Menschen offensichtlich Unterstützung, um den Übergang von der Schule in den Beruf erfolgreich zu bewältigen.
  • 71 Prozent der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss gehen in das Übergangssystem, 43 Prozent der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss und 16 Prozent der Jugendlichen mit einem mittleren Schulabschluss.
  • 2017 verfügten 42 Prozent der Auszubildenden mit neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen über einen Realschulabschluss. 25 Prozent hatten einen Hauptschulabschluss, 3,7 Prozent hatten keinen Hauptschulabschluss. 29 Prozent waren studienberechtigt.
  • Bezogen auf unterschiedliche Berufssegmente ("Zuständigkeitsbereiche") ergeben sich unterschiedliche Bilder: Im Bereich Industrie und Handel waren es 3,5 Prozent ohne Hauptschulabschluss, im Handwerk 4,7 Prozent, in den freien Berufen 0,7 Prozent, im öffentlichen Dienst 0,2 Prozent, in der Landwirtschaft 7,8 Prozent und in der Hauswirtschaft 31,1 Prozent.

Den ungleichen Zugang von Hauptschulabsolvent(inn)en zum dualen Ausbildungssystem macht das Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB, Datenreport) zudem als Verdrängungsmechanismus für Jugendliche mit Hauptschulabschluss aus. Das steigende Interesse von Betrieben an der Gewinnung von studienberechtigten Auszubildenden führt zur Benachteiligung von Hauptschüler(inne)n.

2. Wie stehen die Chancen, verpasste Schulabschlüsse nachzuholen?

Im schulischen Kontext können Schüler(innen) ihren Schulabschluss im Rahmen der Erfüllung der Berufsschulpflicht nachholen (zum Beispiel Berufsvorbereitungsjahr). Weiter gibt es auch Angebote von regionalen Bildungsträgern und Volkshochschulen im Rahmen von externen Abschlussprüfungen.

Praxiserfahrungen zeigen aber, dass viele der jungen Menschen in den Schulen Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen gemacht haben und deshalb schulmüde sind. Schulabsentismus ist ein häufiges Phänomen. Umso wichtiger sind Angebote der Jugendhilfe wie Schulsozialarbeit und Jugendberufshilfe, wo junge Menschen in ihrem Lerntempo und Lernmodus individuelle und sozialpädagogisch begleitete Lern- und Qualifizierungsformen erleben.

Praxisbeispiele:

  • "Motivia" in Aachen versucht die Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Probleme zu unterstützen und sie zu motivieren, ihr Leben selbstverantwortlich zu gestalten. Das primäre Ziel des Projekts besteht darin, die Schülerinnen und Schüler zu einem Schulabschluss zu führen oder in die Regelschule zu reintegrieren.
  • Auch die Flex-Fernschule ist ein Angebot der Jugendhilfe und begleitet Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen dabei, Schulabschlüsse nachzuholen. Wenn die Förderung in der Regelschule nicht mehr möglich ist, werden die jungen Menschen direkt am Wohnort in ihrer vertrauten Umgebung begleitet. Der individuelle Lernplan passt sich den Jugendlichen an, um Lücken zu schließen und gegebenenfalls eine Rückführung an die örtliche Schule oder aber einen externen Schulabschluss zu ermöglichen. Die Dauer der Hilfe variiert je nach Lernstand zu Beginn der Förderung, Lebensumständen, Art und Umfang der Unterstützung sowie Förderziel.
  • Im IN VIA-Projekt "Schule für alle" wurden zehn Mindestkriterien für eine Schule für alle erarbeitet.

3. Inwiefern gibt es ein Stigma rund um "gescheiterte" Bildungsbiografien und ist das ein zusätzliches Hindernis bei der Jobsuche?

Jugendlicher in Gespräch mit ErwachsenemAngebote der Jugendsozialarbeit wie die Schulsozialarbeit und Jugendberufshilfe sind von großer Bedeutung für die Integration junger Menschen mit schlechten Startchancen.Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu

Die Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern spüren, dass die formale Bildung aufgrund des zunehmenden Qualifizierungsdrucks auf dem Arbeitsmarkt immer wichtiger wird. Wer da nicht mitkommt, leidet oft an Versagensängsten und unter Stigmatisierungen. Eine Studie im Auftrag der baden-württembergischen Caritasverbände zeigt, dass Kinder aus armen Familien, die in der Grundschule noch positiv in die Zukunft schauen, später häufig frustriert und resigniert sind.

Immer mehr fühlen sich abgehängt

Andere Studien berichten von einer kleinen, aber wachsenden Gruppe von Jugendlichen, die sich gesellschaftlich abgehängt fühlt und wenig positiv in die Zukunft blickt (Deutsches Jugendinstitut, Studie zu "entkoppelten Jugendlichen").

Stigmata gibt es auch in Bewerbungsverfahren, wenn eine Bewerbung etwa wegen ausländischen Namens oder der Adresse aussortiert wird. Die gesetzliche Verpflichtung von Arbeitgebern zu einem anonymisierten Bewerbungsverfahren könnte hier eine Lösung sein. Faktisch fallen diese jungen Menschen aber spätestens dann heraus, wenn gute Zeugnisse und formale Qualifikationen fehlen.

4. Was können Jugendliche ohne Abschluss tun, um ihre Jobchancen zu verbessern?

Eine Vorbereitung auf eine Ausbildung kann vor allem die Einstiegsqualifizierung (EQ), § 54 a SGB III, leisten (s. auch Frage 1). Junge Menschen, die bei der Suche auf einen Ausbildungsplatz erfolglos waren, können im Rahmen dieser Förderung Grundkenntnisse in einem Beruf erwerben und somit ihre Chancen erhöhen, im Anschluss daran in Ausbildung übernommen zu werden.

Qualifizierungsmaßnahmen und der persönliche Kontakt zwischen Arbeitgeber und Jugendlichem sind ein wichtiger Schlüssel dafür, sich auch im frühen Erwachsenenalter noch beruflich integrieren zu können. Gute Kontakte zu Personen, die sich bei Arbeitgebern für sie einsetzen können, sind ebenfalls hilfreich, stehen den jungen Menschen aber meist nicht zur Verfügung. Auch hier kann die Jugendberufshilfe zwischen den jungen Menschen und den Ausbildungsbetrieben vermitteln.

Eltern oder andere persönliche Bezugspersonen - Verwandte, Pat(inn)en, Lehrkräfte, Nachbarn - können die Jugendlichen wirkungsvoll unterstützen: Für die Belange der jungen Menschen echtes Interesse zeigen, ihnen zuhören, sie motivieren, auffangen, fordern, Mut zusprechen. Auch in der sozialpädagogischen Arbeit der Jugendberufshilfe bilden diese Aufgaben fachliche Standards und sind mindestens so wichtig wie die berufliche Qualifizierung selbst.