Interview

Psychische Probleme

Bei Belastungen und Einsamkeit helfen

Wie stark ist die Nachfrage nach der Caritas Suizidpräventionsberatung für junge Menschen [U25] gestiegen seit Corona?

Die Nachfrage bei uns zeigt, dass seit Corona viel mehr Jugendliche und Kinder belastet sind. Bei [U25], ist das Nachrichtenaufkommen im zweiten Lockdown um 30 Prozent gestiegen. Aber insgesamt können wir nur von unseren begrenzten Kapazitäten aus bewerten. Wir können ja nur so viele Anfragen beantworten, wie Peer-Berater_innen da sind. Aber ein klares Zeichen ist, wie stark unsere Homepagebesuche gestiegen sind. Und dass das bundesweite Ergänzungsangebot der Online-Beratung #gemeinsamstatteinsam sehr gut angenommen wurde.

[U25] hat ein Ampelsystem für Ratsuchende eingerichtet. Grün heißt: Du kannst eine Nachricht an die Peers schreiben. Rot heißt: Niemand kann sich anmelden, weil keine freien Kapazitäten da sind.

Wie oft war die Ampel auf Rot?

Wir haben dieses Ampelsystem eingeführt, weil wir aus Ressourcengründen nicht alle Anfragen bedienen können. Bundesweit können wir mit aktuell rund 300 Peers nicht alle nach Hilfe Fragenden aufnehmen. Bei Grün können sie sich anmelden, da wir standortübergreifend arbeiten. Natürlich können sich die Jugendlichen auch regional betreuen lassen. Wenn die Ampel auf Rot steht, verweisen wir an weitere Hilfsangebote wie zum Beispiel die Jugendnotmail, die Telefonseelsorge oder youth-life-line. Und wir sagen den jungen Menschen: Sprich mit jemandem, hole dir Unterstützung und bleibe nicht alleine mit deinen Gedanken. Denn ein Gespräch kann Leben retten.

Hinterkopf einer blonden Frau, die vor dem Laptop sitzt„Es gibt auch emotionale Armut – ich würde mir wünschen, dass die politischen Akteure mehr niederschwellige Angebote für Kinder und Jugendliche anbieten.“ Jennifer Catsam, Teamleitung der Caritas Online-Suizidpräventionsberatung [U25], Caritas Nürnberg.Deutscher Caritasverband e.V.

Die oben benannte Copsy-Studie, die Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) durchführten und, in der Kinder und Jugendliche selbst befragt wurden, zeigt auf, wie sehr sich die Pandemie auf die Lebensqualität und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirkt.

Können Sie das aus den Kontakten bestätigen?

Seit der Pandemie haben wir zusätzlich mehr junge Menschen, die andere Sorgen-Pakete mit sich tragen. Einsamkeit und Überforderung waren auch davor präsent, aber davon wird jetzt viel mehr gesprochen. Überfordernde Situationen sind eigentlich normal in dem Alter. Die jungen Menschen erleben in dieser Phase ständig Übergänge. Aber jetzt, in der Pandemie, fühlen sich viele Kinder und Jugendlichen angehalten. Sie haben das Gefühl, keine nächsten Schritte machen zu können. Sie sind völlig verunsichert. "Bekomme ich einen Ausbildungsplatz?" "Wie geht es weiter mit mir?" "Kann ich studieren?" Nichts ist klar. Man soll ja etwas tun. Aber wenn gar nichts stattfindet, verliert man die Kontrolle.

Haben sich auch junge Menschen gemeldet, die sonst vielleicht ganz stabil sind?

Das Zusammensein mit Gleichaltrigen, erste Beziehungen haben, Grenzen austesten. Wenn das alles nicht möglich ist, leidet die psychische Gesundheit. Und dann der Druck: Einerseits sollen sie Leistungen erbringen, andererseits alles allein schaffen und sich selbst strukturieren. Ich finde, da wird ein bisschen viel von jungen Menschen erwartet. Besonders, als sie im Lockdown nur online arbeiten konnten. Und für die, die es eh schon schwer haben. Aber eben auch die anderen, die sonst ganz stabil sind. Für sie waren plötzlich Situationen nicht zu bewältigen, die vorher kein Problem waren. Das kann einen schon in eine schwere Krise stürzen.

Hat das Online-Lernen gut funktioniert für die jungen Menschen?

Online lernen hat Vorteile - keine Anfahrt, man ist schneller. Aber acht Stunden online Lernen am Stück? Das ermüdet. Viele Jugendliche denken: Ich kann nicht mehr. Ich schaffe das nicht. Und dann fehlen die Tür-Angel-Gespräche oder mal in der Peer-Gruppe abzuhängen. Die Gruppenprozesse waren einfach weg. Ich sehe das Online-Lernen nicht nur positiv, sondern auch kritisch.

Wie hat sich die Corona-Zeit konkret auf die psychische Gesundheit ausgewirkt?

Wir haben viel von Ängsten gelesen - Kontrollverlust, Angst um die eigene Familie, Angst, angesteckt zu werden, Menschen zu verlieren. Und jetzt, seit alles wieder ein bisschen losgeht mit den sozialen Kontakten, sind es andere Sorgen und Probleme: Mir ist alles zu viel. Ich kann die Lautstärke in der Schule nicht aushalten. Ich weiß nicht, wie ich mich in der Gruppe verhalten soll. Ich habe Angst vor den anderen. Manche klagen über Magenprobleme und Schlafstörungen. Auch das Essverhalten verändert sich. Appetitlosigkeit ist ein Problem. Depression im Jugendalter hat oft andere Anzeichen als bei Erwachsenen, zum Beispiel Konzentrationsschwierigkeiten, Selbstzweifel oder körperliche Symptome wie Kopfschmerzen.

60,7 Prozent der in den JuCo-Studien befragten jungen Menschen zwischen 15 und 30 Jahren gaben an, sich teilweise oder dauerhaft einsam zu fühlen. Deutlich stärker betroffen sind Kinder und Jugendliche mit niedrigem sozioökonomischem Status oder Migrationshintergrund, insbesondere, wenn sie in begrenztem Wohnraum leben.

Was sind Ihre Erfahrungen aus den Beratungs-Nachrichten, beispielsweise auch aus dem Beratungs-Projekt #gemeinsamstatteinsam?

Das Thema Einsamkeit ist massiv für die jungen Menschen. Sie haben häufig niemanden, mit dem sie über ihre Probleme reden und mit dem sie etwas unternehmen können. Oft sind Probleme Zuhause da. Die Erwachsenen sind eh gefordert. Wenn ich Freundinnen und Freunde nicht mehr sehen kann, nützt auch telefonieren nichts. Auch in den Familien, denen es relativ gut geht, waren die Eltern in den Lockdowns extrem belastet, Kinder und Jugendliche spüren das und ziehen sich dann häufig zurück.

Bei [U25] melden sich Jugendliche und junge Erwachsene an, die darüber nachdenken, sich das Leben zu nehmen.

Welche Rolle spielt das in den Mails, die die Berater_innen schreiben?

Da es ein Tabuthema ist, trauen sich viele nicht, in ihrem Umfeld darüber zu sprechen. Manche haben Angst, in die Psychiatrie zu kommen. Das Gespräch kann unglaublich entlasten. "Will ich das überhaupt wirklich?" Meistens wollen Menschen nicht ihr Leben beenden. Sie fühlen sich ausweglos. Eigentlich wollen sie etwas in ihrem Leben verändern. Wir fragen nach und haben ein offenes Ohr: Das dunkle Loch ist da, aber der Ausweg ist noch nicht ersichtlich. Nur Ratschläge zu geben, bringt nichts. Wir ermutigen.

Für die [U25]-Online-Suizidprävention der Caritas übernehmen gleichaltrige ehrenamtliche Krisenberater_innen Lotsenfunktion auf Augenhöhe und stehen als feste Ansprechpersonen für Ratsuchende zur Verfügung.

Was ist das Besondere an einer Peer-to-Peer-Beratung?

Viele junge Menschen suchen sich keine professionelle Hilfe. Die Hürden sind zu hoch, Face-to-face, man muss einen Termin machen, man hat Angst davor. Einen Therapieplatz bekommt man nicht. Und 20 Therapeuten anrufen - das schaffen viele Jugendliche nicht. Dann ist natürlich die Anonymität das Gute. Bei [U25] ist es ja nichts Therapeutisches, keine professionelle Beratung. Aber die Peer-Beraterinnen haben ein offenes Ohr und sind auf Augenhöhe. Es geht darum, für jemanden da zu sein. Die Peers sind in der gleichen Lebensphase. Sie verstehen, dass einfache Dinge große Krisen auslösen können. "Mein Freund hat sich von mir getrennt". "Ich weiß nicht, was ich als Ausbildung machen soll." Jungen Menschen fehlt häufig noch die Erfahrung, dass und wie man die Krise meistern kann.

Angebote der Erziehungs-, Familien-, Lebens- und Migrationsberatung sowie der Jugendberatung und die Begleitung von Familien ist in der Coronazeit stark angestiegen, besonders in digitaler Form. Die Nachfrage ist deutlich größer als die Beratungskapazität. Aber nicht für alle jungen Menschen ist der digitale Zugang (gleich gut) geeignet.

Was denken Sie, was die jungen Menschen brauchen, zusätzlich zu den digitalen Angeboten?

Wenn ich mir was wünschen dürfte? Dass junge Menschen mehr in den Blick genommen werden. Sie wollen nicht nur als Schülerin, Auszubildender, als Arbeitssuchende gesehen werden. Es braucht mehr niederschwellige Angebote, nicht nur an der Schule und Vielfalt in Präsenz und digital. Auch ein Ausbau von Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche ist wichtig. Gerade, wenn man an Armut denkt, sind Ressourcen, Unterstützung und Möglichkeiten notwendig, die junge Menschen brauchen, um ihr Leben selbst zu gestalten. Für viele junge Menschen sind die Systeme viel zu kompliziert und sie fühlen sich überfordert. Da müsste mehr Geld in die Hand genommen werden. Schließlich ist diese Jugend die Zukunft.