Nach der Fußballmeisterschaft der Wohnungslosen am vergangenen Wochenende in Hamburg fährt ein Saarbrücker zur WM nach Brasilien
Savas Bayraktar aus Saarbrücken „Ich war ganz unten, jetzt bin ich Nationalspieler“
Saarbrücken: Die Fußballweltmeisterschaft hat ein Nachspiel, und das fand erstmals in Hamburg statt. Auf dem Spielbudenplatz auf St. Pauli kämpften am letzten Juli-Wochenende die Wohnungslosen aus ganz Deutschland um den Titel. Aus den besten Spielern der rund 20 Mannschaften wurde am Ende die Nationalmannschaft gebildet. Und die vertritt Deutschland im September beim "Homeless Worldcup", der WM der Obdachlosen, in Rio de Janeiro, an der Copacabana.
Mit Savas Bayraktar aus Saarbrücken spielt zum ersten Mal ein Saarländer in der Nationalmannschaft der Wohnungslosen.
Für Savas Bayraktar ein besonderes Erlebnis: „Ich war ganz unten. Jetzt bin ich Nationalspieler. “Nicht immer lief´s so gut: Der 34- jährige Savas Vater einer fünfjährigen Tochter, wuchs in Saarbrücken Brebach auf. Dann geriet er auf die schiefe Bahn, begann zu trinken, nahm Drogen lebte mit Freunden auf der Straße, und verbrachte auch einige Jahre in Frankfurt, litt an Depressionen „Ich habe viel Mist gebaut damals“, gesteht Savas. „Immer öfter gab´s Ärger mit meinen Arbeitgebern, und meiner Familie“.
Doch Savas hatte Glück: 2010 kam er in das Bruder- Konrad-Haus in Saarbrücken. Die Einrichtung für Wohnungslose bietet regelmäßig Fußball-Training an. Sozialarbeiter Bernhard Pinter vom Bruder-Konrahd-Haus „Sport hilft unseren Bewohnern wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Fußball fördert Ausdauer und Teamfähigkeit – das braucht man auch im Alltag.“
Für die diesjährige Meisterschaft der Obdachlosen hatten die Organisatoren von Anstoß!, der Bundesvereinigung für Soziale Integration durch Sport, mit Hamburg einen hochsymbolischen Ort gewählt: Gekickt wurde auf einem 22 mal 16 Meter großen Court inmitten der Reeperbahn gelegen. 17 Mannschaften spielten an zweiten Turniertag um den deutschen Fußball-Meistertitel.
Neben dem deutschen Fußball-Meistertitel werden auch acht Spielertickets für die bevorstehende Weltmeisterschaft in Rio de Janeiro an der Copacabana vergeben.
Seit 2006, damals im Zuge der Fußball-WM in Deutschland, wird diese Meisterschaft für Wohnungslose gespielt. Eine breite Mischung von Gestrandeten, die ihren persönlichen Tiefpunkt in der Regel hinter sich haben – sonst würden sie kaum an zwei Tagen in sechs Spielen um Meisterehren antreten betont Berhard Pinter vom Bruder-Konrad-Haus der mit einer Mannschaft aus Saarbrücken schon zum zweiten Mal an diesem Turnier teilnahm
Der Hamburger Sportwissenschaftler Stefan Huhn 48 ist Bundestrainer der Wohnungslosen. Er musste aus den Teilnehmern acht WM-Neulinge für die Nationalmannschaft nominieren, denn das Reglement des internationalen Straßenzeitungsverbandes INSP ist strikt: Wer einmal um den Welttitel gespielt hat, darf nicht mehr mitmachen.
Er verfolgt gespannt alle Spiele und klärt mit den ausgewählten Spielern, ob sie im September beim Homeless World Cup in Rio de Janeiro mit dabei sein können.
Für Savas Bayraktar kam die Nominierung in die Nationalmannschaft durch den Bundestrainer sehr überraschend. „Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet“, sagt der 34 jährige als Huhn, ihm eine Einladung nach Rio de Janeiro überreichte.
Soziale Integration am rollenden Ball
Bundestrainer Huhn hebt hervor, dass neben der fußballerischen Qualität auch Einsatz und vorbildliches Verhalten zu seinen Kriterien zählen. »Hauptsächlich geht es uns um die soziale Integration durch Sport«, betont Huhn. „Natürlich ist wichtig dass die Jungs gut kicken können", sagt er. „Und genau so wichtig ist es, dass sie es auch eine Woche in einer Gruppe aushalten."
„Andererseits gibt es Dinge, die größer sind als gewonnene Meisterschaften. Wer im Schatten steht - als Wohnungsloser, Suchtkranker, Asylsuchender oder Zeitungsverkäufer -, sucht nach Anerkennung, Beachtung und Respekt. Er möchte Vorurteile abbauen und auch als Außenseiter fair behandelt werden", sagt Stefan Huhn. Und er sagt auch, dass Menschen, die sonst nur verhärmt in der Ecke stehen und still ihre Zeitungen verkaufen, plötzlich zu lächeln anfangen, wenn sie Sport machen. Und vielleicht sogar als Sieger vom Platz gehen.
Bei der letzten WM Im letzten Jahr 2009 in Mailand landete die deutsche Acht auf Platz 21, den Titel gewann die Ukraine durch ein 5:4 gegen Portugal.
Sowohl bei den Deutschen Meisterschaften der Wohnungslosen als auch beim seit 2003 jährlich veranstalteten Homeless World Cup geht es um viel mehr als Sport. Es geht um soziale Teilhabe und positive Erfahrungen wie Teambewusstsein und persönliche Erfolge, aber auch den Respekt und die Wertschätzung durch die Zuschauer. Die Motivation und das Gefühl von Verantwortung, welche die Spieler entwickeln, verändern ihr Leben über die Meisterschaft hinaus. Untersuchungen zeigen, dass sich bei 70 Prozent der Teilnehmer wenig später die Wohn-, Lebens- und/oder Arbeitssituation messbar verbessert hat.